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Das Licht ist Sepia

Eine Kurzgeschichte von Maria Jerchel

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, und was würde besser hierzu passen als eine Erzählung von Nostalgie und Vergänglichkeit, vom Fluss der Zeit, der alle Menschen und Dinge mit sich reisst. Diese hier stammt aus der Feder meiner sehr guten Freundin, Mitbewohnerin und Seelenverwandten Maria Jerchel.

Nachgedunkelt. Es kann nicht wirklich so ausgesehen haben. Die Sonne ändert nicht ihre Farbe innerhalb eines Augenblicks. Und nur ein Augenblick ist vergangen, eigentlich. Nachgedunkelt muss sie sein, die Zeit. Sie kann nicht schon immer so ausgesehen haben, wie sie jetzt scheint.

An Schärfe haben die Menschen verloren. Ihre Konturen sind ungenau im Rückblick. Das Tischtuch hat Fransen. Die legen sich über ihr Knie, jedes mal neu sich drapierend, wenn sie das Bein wechselt. Lebhaft erzählen ihre Hände, doch ihre Worte sind nicht mehr zu hören. Sichtbar, dass sie da gewesen sein müssen, doch sie dringen nicht mehr bis hier her. Vielleicht hat er sie aufgeschrieben. Dann könnten sie noch zu verstehen sein, aber ihren Klang, den haben sie verloren auf dem Weg bis hierher.
sepia 1
sepia 2
sepia 3
sepia 4
sepia 5
Wie war der Klang, der sie umgibt? Geraun vieler Stimmen ist vorstellbar, immer neu entstanden. Es muss aber doch scharf gewesen sein. Es kann nicht wirklich so geklungen haben, wie die Worte, die geblieben sind. Die Stimmen nasal, doch hohl. Nachgedunkelt und stumpf.

Der Schellack hat sicher noch nicht gerauscht und geknistert, als er neu war. Eine Platte dreht sich schnell unter der Nadel, Rille für Rille verteilt sie der Trichter über Tische und Menschen und Tassen und Gläser bis hin zu den weißen Spitzengardinen. Doch was es gewesen ist, kann man nicht lesen.
Die Platte hat sie gerade neu gekauft. Sie reicht sie ihm aus einer Papiertüte. Er mustert die Hülle, liest die Worte, die den Inhalt bezeigen, interessiert. Die Stirn in kritische Falten gelegt. Wieder werden Worte gewechselt. Nie aufgeschrieben und verschwinden auf dem Weg hierher.

Er gibt ihr die Hülle zurück. Sie steckt die Platte wieder ein. Er spricht nun, wie ein Vortrag, zurückgelehnt und die Arme verschränkt, in Abständen eine Hand hinwerfend. Mehr fortweisend, denn sprechend. Fern ihrer lebhaften Gesten von Hand und Gesicht, von Nacken und Haar. Ihr dankend gewinnendes Lächeln, als die Serviererin ihr eine neue Tasse hinstellt. Kühl sein Blick, beleidigt, rüd unterbrochen. Lehnt er sich vor. Wieder wischt seine Hand die Worte voran und die Kaffeetasse fällt. Braun breitet sich aus. Über die Tischdecke, die weiss sein müsste. Sie ist blassgraubraun. Der Fleck bildet keinen Kontrast.

Das Bild ist nachgedunkelt. Die Luft kann nicht diese Farbe gehabt haben. Die Luft ändert ihre Farbe nicht innerhalb eines Augenblicks. Durch mich hindurch scheint Licht. Das Licht ist sepia. Ich bin Zelluloid. Ich bin alt.
© 2005 Maria Jerchel