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Lebst Du schon, oder wohnst Du noch?

Impressionen eines Frankfurter Betonungetüms

Die 60er- und 70er-Jahre hinterließen - nicht nur in Deutschland - so manche stein- besser: betongewordene Bausünde. Die Utopie von der „Stadt der Zukunft”, die den „Neuen Menschen” beherbergt, ließ allenthalben kolossale Bauten, ja ganze Siedlungen aus dem Boden sprießen. Die Absicht der Stadtplaner und Architekten war meist edel: günstiger Wohnraum, kurze Wege, funktionale, moderne Wohneinheiten. Aber die Annahmen reichten noch weiter, bis in psychologisierende Theorien: Einzelbebauung mit Freiräumen dazwischen, so sagte man, fördere das Gefühl der Vereinsamung - die Kompaktbauweise hingegen schaffe ein Gefühl der Geborgenheit und begünstige die soziale Integration der Bewohner. Nun ja... Viele der Ergebnisse lassen, aus der Rückschau betrachtet, meist nur die Wahl zwischen skeptischem Staunen und fassungslosem Erschrecken angesichts der Kühnheit der Planer dieser Baumassen, in denen die Bevölkerung ganzer Dörfer platzsparend aufgenommen werden kann. Zeigt sich hier nicht ein erstaunliches Maß an Unkenntnis über die Bedingungen menschlichen Zusammenleben und sozialen Verhaltens?

In Frankfurt plante man Anfang der 70er-Jahre auf dem Sachsenhäuser Berg den sogenannten „Sonnenring”, bestehend aus zwei schmalen geschwungenen, gegeneinander versetzten Scheiben - auf einem schmalen, länglichen Areal, das siebenmal so lang wie breit ist. Das Ziel der Stadtplaner war es, die damals grassierende Stadtflucht der mittleren und oberen Einkommensschichten durch den Bau komfortabler und erschwinglicher Eigentumswohnungen zu stoppen. Dem Planungswahn jener Zeit verpflichtet, war eine „ungeordnete” Zersiedelung nicht erwünscht, statt dessen sollte das vorgesehene Areal durch eine gebündelte, verdichtete Bebauung aufgewertet werden. Entstanden ist ein Bauwerk, dass schon in der Planungsphase polarisierte. Rasch formierte sich eine Bürgerinitiative der Anwohner des Sachsenhäuser Berges gegen den Bebauungsplan. Man hegte vor allem die Befürchtung, dass der Bau als gigantischer Reflektor für Sonnenhitze sowie Verkehrs- und Fluglärm wirken werde. Über die Höhe der beiden Trakte wurde erbittert gestritten - schlussendlich einigte man sich auf eine Höhe von sechzehn Stockwerke für den einen, neun für den anderen Trakt. Erst 1979, fünf Jahre nach Baubeginn, wurde der Komplex nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Verwaltung, Bürgern und Baugesellschaft fertig gestellt. (Nach dem Konkurs des ursprünglichen Bauherrn hatte die Hessische Landesbank das Projekt übernommen, ansonsten hätte ihm wohl das Schicksal einer Bauruine gedroht.) Auf die skandalumwitterte Anfangszeit folgte der nur schleppend anlaufende Verkauf der 307 Eigentumswohnungen.
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Das Vorbild für den Wohnkomplex war ein ähnliches Objekt an den sonnigen Gestaden des Mittelmeers. Architektonisch durchaus originell, diese elegant geschwungenen Hochhausblöcke... Aber funktioniert dieser Ansatz auch in Deutschland, im mitunter trüben und trostlosen Frankfurt? Unzweifelhaft zählt der Bau zu den interessantesten modernen Wohnungsbauten hierzulande. Aber schon in der frühen Bauphase sprach z.B. die F.A.Z. von einem „überdimensionierten Projekt” (23.09.1972), und tatsächlich wirkt der Bau auf den Betrachter - insbesondere bei einer entsprechenden Wetterlage - wie ein wuchtiges Kolossalwerk, ein graues Betonungetüm. Man fühlt sich klein und erschlagen von dieser Wucht.

Auch die oben gezeigten Fotos unterstreichen diesen Eindruck. Und doch sollte sich - gerade bei solch einem Thema - dem Betrachter, wie bei allen Fotografien, stets die Frage nach dem Zusammenhang von Bildgestaltung und Bildwirkung stellen. Beabsichtigt? Unbeabsichtigt? Authentisch? Manipuliert? ... Der gewählte Bildausschnitt, die Perspektive, die Farbgestaltung und Bearbeitung vermitteln eine bestimmte Wahrnehmung. Letztlich kann man sich nur selbst von der dem Abbild zugrunde liegenden „Realität” überzeugen, wenn man sich selbst ein Bild macht :-)