23. Oktober 2013

Lost Places 8: Der Berliner Flughafen Tempelhof

„Die Mutter aller Flughäfen”

Drei Tage vor Weihnachten 2012 unternahm ich eine vom Veranstalter go2know angebotene Fototour zum leer stehenden Flughafen Tempelhof in Berlin, die zu den beeindruckendsten und spannendsten des zu Ende gehenden Jahres zählt! Der legendäre Flughafen hat wie kaum ein Bauwerk in Berlin so viele Schicksale über mehrere Jahrzehnte beeinflußt - er ist ein Symbol für den Aufstieg der Fliegerei in Deutschland, für das Streben nach Freiheit und den Widerstand gegen Unterdrückung und Totalitarismus, aber auch ein Symbol für den Machtwillen und die unmenschliche Gigantomanie des „Dritten Reiches“, für Krieg, Hybris und Zerstörung. Der eine oder andere Reichsadler ziert noch die Fassade. Ambivalent, wie so vieles in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts...

1934 gaben Hitler und Reichsluftfahrtminister Göring einen vollständigen Neubau des für die Abwicklung des Luftverkehrs inzwischen zu klein gewordenen Flughafens Tempelhof aus den 1920er Jahren in Auftrag. Er wurde durch den Architekten Ernst Sagebiel als neoklassizistischer Monumentalbau ausgeführt. Der Bau entsprach einerseits den Ansprüchen der Nationalsozialisten ans Monumentale und sollte den Weltgeltungsanspruch des „Dritten Reichs“ auch im Luftverkehr verdeutlichen, andererseits wurden hier zum ersten Mal alle Anforderungen eines modernen Großflughafens in einer beispielhaften und zukunftsweisenden Ausführung unter einem Dach realisiert, so dass der britische Architekt Norman Foster Tempelhof einmal als „Mutter aller modernen Flughäfen“ titulierte.

„Sagebiels Entwurf für den neuen Flughafen, der durch seinen Vorbau an das kreisrunde Platzensemble im Süden der von Albert Speer geplanten Nord-Süd-Achse angeschlossen werden sollte, verbindet die Ästhetik einer Kreuzritterburg mit den Erfordernissen eines modernen Verwaltungsbaus: Wehrtürme, Fenster im Schiessscharten-Design, Säulengrüfte aus einem Nibelungenfilm - und zugleich der Triumph des Stahls, der mit seinen Trägern mühelos das gewaltige Dach in den Raum hinaushebt, als bedürfte es nur einer letzten Anstrengung, und der Flughafen selbst begänne zu fliegen.“ (Andreas Kilb, F.A.Z. vom 1.11.2008)
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Hinter den symmetrisch angeordneten Empfangs- und Verwaltungsgebäuden liegt, als gewaltiges steinernes Halboval, die Flughalle mit einer Gesamtlänge von 1200 Metern. Tempelhof war damals nicht nur das flächengrößte Gebäude Europas, sondern auch eines der längsten.

Der Flughafen sollte nicht bloß der Abfertigung des Luftverkehrs dienen, sondern auch Platz für Luftfahrtdienststellen und -institutionen bieten sowie für Großveranstaltungen wie dem „Reichsflugtag“ genutzt werden: Das bogenförmige Dach war als Tribüne für 100.000 Zuschauer konzipiert; 14 Treppentürme sollten für einen raschen Zu- und Abgang der Zuschauer sorgen.

Ende April 1945 besetzten Truppen der Roten Armee den Flughafen. Von größeren Kriegsschäden blieb Tempelhof weitgehend verschont, allerdings brannte der unterirdische Filmbunker, in dem offenbar kriegswichtiges Filmmaterial eingelagert worden war, vollständig aus, als Soldaten der Roten Armee ihn in der Annahme, dass dort Rüstungsgüter aufbewahrt wurden, aufsprengten.

Das Gelände barg zudem umfangreiche unterirdische Anlagen, vor allem in Form von Luftschutzbunkern, deren Tauglichkeit schon bald auf die Probe gestellt werden sollte...
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Im Juli 1945 übergab die Rote Armee den Flughafen an die US-Truppen. Er wurde von ihnen Instand gesetzt und blieb nun für die nächsten fast vier Jahrzehnte Militärstützpunkt der Air Force.

Seine große Bewährung hatte er bereits 1948/49, als er während der Blockade West-Berlins dem Transport von Verpflegung und Gütern für die eingeschlossene Stadt diente - die „Rosinenbomber“ starteten und landeten im Minutentakt. An diese sog. Luftbrücke erinnert das Luftbrückendenkmal vor dem Flughafen (auch „Hungerharke“ genannt).

Als man von West-Berliner Seite aus bat, einen Teil des Flughafens für die Abwicklung des zivilen Berliner Luftverkehrs freizugeben, übergaben die Amerikaner 1951 den südlichen Teil der Anlagen an die Stadt. 1962 wurde er zum Berliner „Zentralflugafen“ (die blaue Leuchtschrift über dem Haupteingang stammt aus dieser Zeit), von dem aus der gesamte Berliner Flugverkehr abgewickelt werden sollte. Doch diese Phase währte nur kurz: Schon ab Mitte der 1960er Jahre war klar, dass das stetig wachsende Passagieraufkommen von Tempelhof nicht mehr bewältigt werden konnte. Als der neue Flughafen Tegel 1975 in Betrieb ging, wurde Tempelhof für den zivilen Luftverkehr geschlossen und ging wieder in den alleinigen Besitz der Amerikaner über.

1985 noch einmal für den zivilen Luftverkehr reaktiviert, eignete sich Tempelhof aufgrund der kurzen Start- und Landebahn und der innerstädtischen Lage längst nicht mehr als Großflughafen für den Massenflugverkehr. Er diente bis zu seiner endgültigen Schließung 2008 für innerdeutsche Flüge mit kleinen Maschinen, für den Geschäftsreiseverkehr mit Klein- und Privatflugzeugen.

Update Mai 2014: Beim von der Bürgerinitiative „100% Tempelhofer Feld“ initiierten Volksentscheid zur Zukunft des Flughafens Tempelhof hat sich eine deutliche Mehrheit von 64% gegen eine von der Berliner Regierung favorisierte Bebauung des brachliegenden Flugfeldes ausgesprochen.
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