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Handlungsreisende

Von Maria Jerchel

          Da ist es wieder. Das Fight-Club-Gefühl. Ich wache auf, und habe keine Ahnung wo ich bin. Ich blinzle. Hotel. Auf dem Willkommen-Faltblatt gleich neben meinem Kopf der Schriftzug: Radisson. Aber welches? In welcher Stadt bin ich? Wenn ich es darauf anlege, kann ich es bis zu dem Zeitpunkt nicht wissen, in dem ich einen Nahverkehrsnetzplan sehe. Ich dusche im klimageregelten Kachelbad, aus dem Fernseher plärrt N24. Ich werde solange Hotelzufriedenheitsevaluationsbögen ausfüllen, bis ich in jedem Hotelzimmer, das ich bewohne, ein Radio finde. Ein einfaches, schlichtes, öffentlichrechtlichen Mainstream verschallendes Radio. Kein Fernseher, keine App. Ich kann mich problemlos im Halbschlaf orientieren. Jeder Handgriff gleicht dem vom Vortag, ich greife meinen Vertreterkoffer und gehe zum Fahrstuhl.
          Im Frühstücksraum steht Brot, Obst und Kaffee auf den Nachbartischen, flankiert von den internationalen Ausgaben der internationalen Presse in grau, weiß und rosa. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich selbst auf das Handelsblatt umgestiegen bin. Es ist eine Mischung aus allem und gibt einem die Illusion eines soliden Lokalblatts. Die perfekte Beilage zum Hotelfrühstück. In Kettenhotels zu leben bietet einen gleichförmigen Alltag. Jede Stadt ist nicht existent.
          Wenn mich jemand fragt, was ich von Beruf bin, antworte ich: „Handlungsreisende.“ Es ist ein so herrlicher, leerer, völlig unverständiger Anblick, den das Wort beim Gegenüber hervorruft. Als wenn mein Visitenkartenaufdruck „Assistant Key Account Sales Manager“ viel verständlicher wäre. Aber das ist ein vertrauter Anblick, wie wir gemeinsam im warmen Wasser seichten Englischs waten. Solange es funktioniert. Ich werde am Abend wieder ein Buch in die Hand nehmen, dessen Autor aus Sprache Kunst macht. Wenn ich Englisch lesen will, greife ich nicht zum „Sustainable Diversity Report 2015 – Let's make a Difference“.
          Und so lächle ich still in mich hinein, verstecke mich in Nadelstreifentarn. Abgeschliffen bis zur Unkenntlichkeit. Ihr seht mich nicht.
          Solange ich noch lächeln kann und Handlungsreisende sage, bin ich eine Fremde geblieben. Eine Fremde bleibe ich, bis der Bonus sich mit meinem Anzug deckt. Der sitzt perfekt. Ich stehe vor ihnen und verkaufe, was sie brauchen, wecke Wollen nach dem, was ich berechnen kann. Das tut eine Handlungsreisende mit ihrem Vertreterkoffer. Sie verwandelt ihn in eine Zaubertruhe, eine Schatzkiste und händigt mit dem Prospekt die Schatzkarte aus. „Besprechen Sie sich in Ruhe. Ich rufe Sie an.“ Verkaufen ist Spiel von Druck und Nachgeben, Vertrauen und Zwang. Ich kann das gut. Ich tue es einfach. Nichts davon begreife ich wirklich.
          Gleich nach dem Frühstück verlasse ich die Lobby. Ich blicke zum Himmel hinauf. Mein Blick streift den Messeturm. Frankfurt.
Handlungsreisende Frankfurt-1
Handlungsreisende Frankfurt-3
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