13. September 2015

Lost Places 12: Die Oberfinanzdirektion in Frankfurt

Architektur-Ikone der fünfziger Jahre

Die 1954 nach Plänen des Architekten Hans Köhler errichtete Oberfinanzdirektion war bis vor kurzem eines der letzten Baudenkmale der 50er Jahre in Frankfurt am Main. Sie erstreckte sich als 35 Meter hohes, 120 Meter langes elfgeschossiges Hochhausband mit einem vorgelagerten, in kühner Weise leicht schräg gestellten eleganten Pavillon auf Stelzen. Die Fassade des Hochhauses war mit rötlichen Keramikplatten verkleidet, deren Farbton je nach Lichteinfall zwischen Orange, Rot und Violett changierte; sie gliederte sich in 34 Achsen aus quadratischen Kastenfenstern. Da der Baugrund sich als ungünstig für eine Skelettkonstruktion erwies, baute man in Form eines Stahlbetonsilos mit nur 18 Zentimeter dicken Wänden und Decken. Bei dieser Bauweise jedoch durften die Räume und Fenster nicht allzu groß sein.

Seit 2009 stand die Oberfinanzdirektion leer: Nachdem das Gebäude in den 70er Jahren fehlerhaft mit einem giftigen Teerkleber saniert wurde, der tief in das Mauerwerk eingedrungen war, wurde der Aufenthalt in den Innenräumen als stark gesundheitsschädlich eingestuft. Mittlerweile ist die "Frankfurt School of Finance" Besitzerin von dem Grundstück und dem Gebäude. Das eigentlich denkmalgeschützte Ensemble wurde wegen der irreparablen Schadstoffbelastung zum Abriss freigegeben, bis auf den vorgelagerten Pavillon, der nicht kontaminiert ist und erhalten bleiben soll. Die private Hochschule plant einen Neubau auf dem Gelände, der voraussichtlich 2017 bezogen wird. Aus städteplanerischen Motiven sieht der Bebauungsplan vor, dass sich der Nachfolgebau in Länge und Höhe an den alten Baukörper orientieren soll.

Heutzutage gilt die Oberfinanzdirektion als ein herausragendes Symbol der Wiederaufbauzeit - bei zeitgenössischen Architekturkritikern indes fand der Bau wenig Anklang. Er wurde unter anderem beschrieben als "Riegel", der wie eine gigantische "Mauer" wirkt, an dessen Fassade nichts dem Auge Halt und Führung gibt, gleichsam eine "am Fließband gefertigte Baumasse". Mittlerweile sieht man das anders: Ist doch der Bau ein Beispiel für eine funktionale und strukturale Bauweise, die sich trotzdem interessante Details leistet, die bei der heutzutage verbreiteten Investorenarchitektur undenkbar oder zumindest selten wären.

Die Oberfinanzdirektion hätte statt in Frankfurt auch in Brasília oder Chandigarh stehen können, so sehr glich sie den ikonenhaften Scheibenbauten, mit denen Oscar Niemeyer und Le Corbusier in den 50er Jahren der Moderne ihren architektonischen Stempel aufdrückten, stellt der F.A.Z.-Architekturkritiker Dieter Bartetzko fest. Es ist ein Jammer, dass dieser Bau nicht erhalten werden konnte. "Die Lebensdauer selbst der wichtigsten und schönsten Gebäude ist seit 1945 auf die Spanne von dreißig bis vierzig Jahren geschrumpft", resümiert er in demselben Artikel (28.08.2013).
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