24. Dezember 2016

Das neue Haus


(Aus dem unveröffentlichten Roman
Griebnitzsee von Maria Jerchel)


Nebeneinander gehen sie durch den Park. Heuer zum ersten Mal.
        Langweilst Du Dich nicht manchmal? fragt Willem. Es ist so friedlich hier draußen. Charlotte denkt an die Kinder bei der Großmutter, an das Haus, das so leer ist und es schauert sie. Ein riesiges Haus, wieso, ohne Alexander? Sie schüttelt den Kopf, vertreibt die Erinnerung an den Gefallenen. Wenn die Kinder zurück sind, wird sie sich freuen über die stillen Winkel und weiten Räume der Villa. Wenn Frederik wieder aufs Steckenpferd steigt und Karolin plärrend hinterdrein rennt, derweil Cecilie mault. Dann kann es gar nicht groß genug sein, das Haus. Abends, wenn sie Stille sucht, das „Katuff, Katuff“ der Walzen noch in den Ohren, das dumpf das ganze Werk durchdröhnt. Dann wird die Bank am Wasser, das helle Turmzimmer wieder locken. Aber heute fürchtet sie sich fast, das Haus zu betreten. Doch ganz leer ist es ja nicht. Willem ist wieder da. Noch im alten Haus, direkt beim Werk, hat er schon mal bei ihnen gewohnt. Sie konnte ihn nicht fortschicken, als sein Zuhause unter den Füßen brach. Er stand vor der Tür, vor der er so oft schon gestanden hatte, und sie sah ihm ins Gesicht. Sie wird die Trauer nicht vergessen. Was hast Du gesehen? dachte Charlotte. Doch sie sagte nichts, fragte nichts, ließ ihn nur ein. Um das alte Reich zu trauern, dafür hatte Charlotte selbst keine Zeit. Aber es war gut, diesen Stillen im Haus zu wissen, nicht allein mit den Kindern und Hedi, gewiss, dass Alexander nie wieder kommt.
        Sag es einfach, Thomas! hatte Charlotte Gewissheit gefordert.
        Hedi hatte die Kinder zu Bett gebracht und als sie zurückkehrte, saß Charlotte noch am selben Platz, die Wangen glänzten vor Nässe. Sie saß nicht länger aufrecht. Gefallen, gestorben und begraben. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Hedi setzte sich zu ihr an den Tisch und so blieben sie beeinander, bis das alte Haus finster wurde. Am nächsten Tag ging Charlotte in schwarz nach drüben ins Werk und das war alles, was man je an ihr an Trauer sah.
        Und nun ist Willem wieder da, das erste Mal vielleicht, seit der Einweihung der neuen Villa Turnow. Über den Sommer, am Griebnitzsee. Nicht weit nach Potsdam. Weitläufiges Grün, die verglimmende Glorie einer Zeit, die ihr schon so weit fort scheint, untergeht in den Stromschnellen neuer Tage. Sie sieht den Widerschein der Schönheit auf seinem Gesicht. Er ist hier daheim und ein Fremder zugleich. Beinahe scheu wandelt er über den Wegen, die der Sommer staubig macht. Er rührt sie. Und wenn er sie anschaut, sieht sie in diesen graublauen Augen etwas aufscheinen. Ein Echo antwortet ihm, ganz kurz nur, von Ferne, doch kommt es wieder. Charlotte denkt an den Ring, der im Schmuckkasten liegt. Begraben. Sie sieht das Geschenk dieses Sommers hier auf den Wegen unter steinernen Augen, die sie nicht sehn.

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