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Lost Places 14: Hannovers Ihme-Zentrum

Gescheiterte Utopie von der „Stadt in der Stadt“

Diesen Ort als einen Lost Place zu bezeichnen verbietet sich eigentlich, wohnen dort doch immer noch rund 2400 Menschen. Trotzdem trifft die Bezeichnung auch wiederum zu, denn weite Teile dieses Gebäudekomplexes im Hannoveraner Stadtteil Linden stehen in einem erbärmlichen Zustand leer; und „verloren“, im Sinne von zukunftslos, chancenlos, scheint das Ihme-Zentrum auch zu sein…

Das unter Hannoveranern berüchtigte Ihme-Zentrum ist eine monströse Wohn-, Büro- und Einkaufsmaschine am Ufer des Flusses Ihme. Anfang der 70er Jahre im architektonischen Stil des Brutalismus (von franz. béton brut = Sichtbeton) errichtet, war es als eines von mehreren Zentren konzipiert, mit denen die Innenstadt entlastet werden sollte. Die zugrunde liegende zeittypische Idee war die „Stadt in der Stadt“, d.h. in dem Komplex sollten alle für das tägliche Leben notwendigen Einrichtungen vorhanden sein. Von den konzipierten Zentren tatsächlich gebaut wurde nur das Ihme-Zentrum. Von 1972 bis 1975 wurde es in einem Stück hochgezogen, was die Baustelle zu einer der größten in Europa werden ließ. Entstanden ist eine Verkaufsfläche von 60.000 m2 und eine Wohnfläche von 56.000 m2. An den Enden des knapp einen Kilometer langen Gebäudes wird der Bau von 20stöckigen Wohntürmen eingerahmt, dazwischen liegen zwei 5- bzw. 6-stöckige Wohnungsriegel. Eine Ladenpassage durchzieht den gesamten Komplex – in der Mitte für kleinere Geschäfte, an den Enden für größere, mehrstöckige Ankermieter –, unterkellert ist er mit einer gigantischen 2-stöckigen Tiefgarage.

Das Ihme-Zentrum hatte von Anfang an mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Es ist architektonisch wenig einladend, eher trutzburghaft abweisend, verwinkelt und unübersichtlich. Zudem befindet es sich sozusagen in einer Art Insellage: Die eine Längsseite grenzt direkt an den Fluss, die andere Gebäudeseite liegt eine Ebene über Straßenniveau und ist nur an wenigen Stellen über Treppen und Aufgänge erreichbar; die Straßenebene dient lediglich der Anlieferung und Bewirtschaftung.

Bereits seit Mitte der 1990er Jahre existierte durch viele Geschäftsaufgaben ein Leerstand. Nachdem 2004 der letzte große Ankermieter (die Elektrohandelskette Saturn) auszog, fehlte ein Kundenmagnet, was den endgültigen Todesstoß bedeutete. Zur Zeit (Stand August 2016) sind die einzigen relevanten Mieter die Stadtwerke Hannover und einige Ämter der Stadtverwaltung.

Aktuell präsentieren sich weite Teile der Ladenpassage als Bauruine: 2006 wurde von dem US-amerikanischen Investor Carlyle Group eine grundlegende Sanierung begonnen, die einige der architektonischen Probleme entschärfen sollte. Geplant war die Erneuerung der Ladenpassage als „Linden-Park“ in Form einer modernen Shoppingmall, lichtdurchflutet, mit viel Glas und hochwertigen Baumaterialien. Aufgrund der allgemeinen Finanzkrise kamen die Bauarbeiten jedoch ins Stocken, als die Carlyle Group in die Insolvenz ging. Seit 2009 ruhen sämtliche Baumaßnahmen, die Eigentumsanteile des Investors werden durch einen Zwangsverwalter verwaltet. Wie es mit dem Ihme-Zentrum weitergehen soll, ist ungewiss, der Komplex ist nach dem gescheiterten Revitalisierungsprojekt zu einem der größten Sanierungsfälle in Niedersachsen geworden. Wenn kein neuer Investor gefunden wird, steht die Zwangsversteigerung an. Ein Abriss verbietet sich wohl wegen der Eigentumsverhältnisse, sind doch der Großteil der 800 Wohnungen Eigentumswohnungen. So oder so – wohl endgültig zu Ende ist der verfehlte Traum vom verdichteten stadtkernnahen Wohnen und Arbeiten an einem Ort…

Nach den eingestellten Bauarbeiten gleicht das Ihme-Zentrum noch mehr einer Geisterstadt aus einer dystopischen Endzeitvision als je zuvor. Zwischen den hochaufragenden Wohntürmen spannt sich ein geheimnisvoll unübersichtliches Geflecht aus Aufstiegen, Durchgängen und Überbrückungen, allerorten klaffen riesige Wunden von eingerissenen Geschossdecken und Wänden, aus denen verbogene, rostige Eisenstränge und blanke Stahlträger herausragen. Ein fast surreal anmutendes Bild. Ich habe die unten präsentierten Aufnahmen mit Analog Efex Pro aus der Nik-Filter-Collection bearbeitet, um die Anmutung des Trostlos-Monströsen in dieser heruntergekommenen Sanierungsruine zu verstärken.

(Siehe auch das 360°-Panorama von der Tiefgarage)
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