23. November 2017

Lost Places 16: Beelitz Heilstätten

Der "Zauberberg" Brandenburgs

In Beelitz, rund 20 Kilometer südwestlich von Berlin, liegt in einem ausgedehnten Waldgebiet einer der größten verlassenen Krankenhauskomplexe Deutschlands. 60 Gebäude auf 200 Hektar mit mehr als 1000 Betten Kapazität. Die berühmten „Beelitz Heilstätten“ waren Ziel zweier von go2know veranstalteter Fototouren im Oktober 2013 und Juni 2014.

Die Heilstätten waren als Sanatorium für tuberkulosekranke und „nervenschwache“ Arbeiter aus den Fabriken und Mietskasernen Berlins gegründet worden. Tuberkulose war die Volkskrankheit an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Aber nicht nur die Armen aus den Arbeitervierteln mit feuchten Mietskasernen und dunklen Hinterhöfen waren betroffen, auch die „Kameliendame“ von Alexandre Dumas und die reichen Patienten von Thomas Manns „Zauberberg“ zählten zu den Opfern. Gegen die Tuberkulose gab es keine wirksamen Medikamente; Heilung versprach vor allem viel frische Luft, Ruhe und gesundes Essen. Die Beelitz Heilstätten wurden entsprechend nach den neuesten Erkenntnissen der Heilkunde konzipiert: durch lange Rohre saugte man saubere Luft aus dem umgebenden Wald an, die direkt in die Krankenzimmer geblasen wurde. Ausgestattet mit zentralen Heizungssystemen, modernen Küchen, Wäschereien, Badehäusern und Speisesälen wiesen die Heilstätten eine großzügige, beinahe luxuriöse Gestaltung auf, die nichts mit der kalten Effektivität moderner Bettenburgen gemein hat.

Die Heilstätten wurden in mehreren Bauabschnitten fertig gestellt; der erste entstand 1902, nachdem die Landesversicherungsanstalt Berlin ein paar Jahre zuvor den Bau eines riesigen Komplexes von vier Hauptgebäuden – zwei Lungenheilstätten und zwei Sanatorien, jeweils strikt getrennt nach Geschlechtern – beschlossen hatte. Die Architekten Heino Schmieden, Julius Boethke und Fritz Schulz kombinierten Landhausstil mit monumentalen Natursteinfassaden (später kamen expressionistische Baustile hinzu). Der ganze Komplex war angelegt wie ein vierblättriges Kleeblatt, geteilt durch Bahnstrecken bzw. eine Autostraße. Entstanden ist eine kleine Stadt mit eigenem Bahnhof und eigenem Heizkraftwerk, die in zwei weiteren Bauphasen (1905-08 und 1926-30) noch erweitert und vergrößert wurde.

Ab 1914 unterbrach man den Sanatoriumsbetrieb kriegsbedingt, und die Heilstätten wurden als Lazarett genutzt, in dem zeitweise bis zu 12.500 Soldaten gepflegt wurden. Im Zweiten Weltkrieg erneut als Lazarett genutzt, dienten die Heilstätten nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 als Militärhospital für die sog. Westgruppe der Sowjetarmee. Dies war damit das größte Militärhospital der Sowjetunion außerhalb des eigenen Territoriums.

Das gesamte Areal blieb militärisches Sperrgebiet bis zum Abzug der Roten Armee 1994 (einige Jahre davor, 1991, diente es für kurze Zeit dem gestürzten und obdachlosen Erich Honecker als temporärer Unterschlupf). Seitdem liegt das Gelände brach. Aufgrund der Nutzung durch die Rote Armee blieben die Bauten in all den Jahrzehnten von Abriss sowie Modernisierung verschont, jedoch befinden sie sich in einem Stadium des fortschreitenden Verfalls, nachdem die Sanierung der Denkmalsubstanz weitgehend eingestellt wurde. Auch der Vandalismus, der viele Lost Places befällt, hinterlässt zusehends seine Spuren.

Eine Nachnutzung des Komplexes war lange Zeit ungeklärt; Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen stehen einer Reaktivierung als Klinik jedenfalls unumgänglich im Wege. Nach neuesten Plänen soll dort nun ein Wohn- und Arbeitsort für Kreative entstehen, das sog. „Creative-Village“ des Projektentwicklers Frank Duske. Geplant sind 50 Wohn- und Arbeitseinheiten mit einem Kaufpreis je nach Größe ab 100.000 Euro.

Bis dahin dienen die Gebäude weiterhin als beliebte Fotolocation und Kulisse für Film- und Fernsehproduktionen. Unter anderem Roman Polanskis „Der Pianist“ und Tom Cruises „Operation Walküre“ wurden hier in Teilen gedreht.

Dieser verwunschene Ort, dessen Gebäude wie Märchenschlösser wirken mit ihren Giebeln, Türmchen und Fachwerkfassaden, lädt geradezu dazu ein, sich kreativ mit ihm zu beschäftigen. Er versprüht Beklemmung und Faszination zugleich…
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