11. Dezember 2017

Solarblog #1 - Das Verfließen der Zeit

„Dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit“, schreibt Susan Sontag. Das Verfließen der Zeit bezeugen auch Solargrafien. Aber sie greifen nicht blitzartig einen einzigen Moment heraus, sondern komprimieren sie, die Zeit. Und zwar extrem lange Zeiträume.

Vergegenwärtigt man sich, was für eine Zeitspanne in einer einzigen Aufnahme komprimiert ist, erscheint es wie pure Magie. Man denkt an all die Ereignisse, die während der langen Belichtung stattgefunden haben - im persönlichen Leben, in Politik, Kultur, Wirtschaft, in der Stadt, im Land, auf der Welt. Katastrophen und Erfolge, Geburten, Hochzeiten und Todesfälle. Ereignisse, die, ob bedeutend oder unbedeutend, keinerlei Spuren im Bild hinterlassen haben. Die Solargrafie ist gleichgültig gegenüber allen menschlichen Maßstäben. Für sie gilt eine komplett andere Zeitrechnung.

Nur das Beständige wird auf's Fotopapier gebannt. Gebäude, Straßen, Brücken. Alles, was flüchtig ist, alles was sich schnell bewegt, bleibt unsichtbar. Wolken, Vögel, Autos, Menschen… Vor allem alles Lebendige verschwindet aus den Bildern - bis auf die statischen Bäume.

Die fotografische Technik der Solargrafie ermöglicht es, Dinge sichtbar zu machen, die dem menschlichen Auge üblicherweise verborgen bleiben. Die Sonne, sonst ein blendend greller Punkt am Firmament, hinterlässt auf ihrer täglichen Wanderung über den Horizont gekrümmte Lichtstreifen auf dem Fotopapier. Verlässliche, stoische, seit Jahrmilliarden immergleiche Bahnen. Das Fotopapier zeichnet die verstrichene Zeit auf, Schicht für Schicht, wie Baumringe.

Die Welt, wie wir sie kennen, erscheint verändert. Die Fotos haben eine fast mystische Anmutung mit ihren unscharfen, unergründlich dunklen Zonen, den verschwommenen, verschleierten Details. Die Natur - Feuchtigkeit, Hitze, Mikroorganismen - hinterlässt ihre Spuren auf dem Fotopapier, greift es an, unterwirft es der Vergänglichkeit. Fast ein Paradoxon: Die ewiglichen Bahnen der Sonnen, angenagt vom Zahn der Zeit.

Surreale Szenarien, welche die Solargrafien unseren Augen offenbaren. Surreal und mystisch.
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